Rezension: Catrin Altzschner – Give a Fck. Zwischen Sexualität, Tabu und Selbstbestimmung – Warum Sexarbeit uns alle etwas angeht
Ein differenzierter Blick auf Sexarbeit
Debatten über Sexarbeit verlaufen häufig zugespitzt und bleiben dabei oft erstaunlich oberflächlich. Catrin Altzschner wählt in „Give a Fck“ einen anderen Zugang. Statt schneller Urteile rückt sie eine grundlegende Frage in den Mittelpunkt: Wie sieht das Leben der Menschen in dieser Branche tatsächlich aus? Das Buch lädt dazu ein, gewohnte Sichtweisen zu hinterfragen und sich auf Perspektiven einzulassen, die im Alltag selten Raum bekommen.
Die Realität hinter dem roten Licht
Ein zentrales Anliegen des Buches ist es, Sexarbeit als vielschichtige Lebensrealität sichtbar zu machen. Schnell wird klar: Eine einheitliche Geschichte gibt es nicht. Die Stimmen, die Altzschner versammelt, könnten unterschiedlicher kaum sein. Einige erzählen von Selbstbestimmung und davon, in ihrer Arbeit Freiräume oder finanzielle Sicherheit zu finden. Andere berichten von Unsicherheiten, Belastungen und schwierigen Rahmenbedingungen. Gerade dieses Nebeneinander macht die Stärke des Buches aus. Es entsteht ein Bild, das weder beschönigt noch vereinfacht, sondern die Widersprüche aushält.
Vorurteile: Das Bild in unseren Köpfen
Viele Vorstellungen über Sexarbeit sind erstaunlich stabil – und oft erstaunlich einseitig. Altzschner nimmt diese Bilder ernst, ohne sie unkommentiert stehen zu lassen. Im gesellschaftlichen Diskurs tauchen immer wieder ähnliche Annahmen auf. „Alle Sexarbeiterinnen sind Opfer“: Eine Sichtweise, die Handlungsspielräume ausblendet und komplexe Lebensrealitäten verkürzt, „Sexarbeit ist immer Gewalt“: Eine Gleichsetzung, die Unterschiede zwischen Zwang und selbstbestimmter Arbeit verwischt, aber auch „Es ist leicht verdientes Geld“: Ein Klischee, das die körperlichen und psychischen Anforderungen häufig unterschätzt. Das Buch setzt diesen Zuschreibungen keine einfachen Gegenbehauptungen entgegen, sondern erweitert die Perspektive – und genau darin liegt seine Wirkung.
Das „nordische Modell“: Schutz oder Bevormundung?
Auch politische Lösungsansätze geraten in den Blick, etwa das sogenannte „nordische Modell“, bei dem die Kunden kriminalisiert werden. Die dahinterstehende Idee wirkt auf den ersten Blick plausibel: Nachfrage reduzieren, um Ausbeutung einzudämmen. Altzschner zeigt jedoch, dass solche Konzepte nicht an ihren Zielen gemessen werden sollten, sondern an ihren Folgen. Wenn Arbeit in den Untergrund gedrängt wird, können Risiken wachsen, statt zu sinken. Besonders eindrücklich ist dabei die immer wiederkehrende Frage: Wer entscheidet eigentlich, was im Interesse der Betroffenen ist – und wer wird dabei überhört?
Wer hat das Sagen? Die Frage der Macht
Ein roter Faden des Buches ist die Frage nach Deutungshoheit. Welche Stimmen prägen das Bild von Sexarbeit – und welche fehlen? Indem Altzschner konsequent die Perspektiven von Sexarbeiterinnen und Sexarbeitern selbst in den Mittelpunkt stellt, verschiebt sich der Blick. Abstrakte Debatten werden greifbar, Zuschreibungen verlieren an Selbstverständlichkeit. Es entsteht Raum für Zwischentöne, die in vielen Diskussionen kaum vorkommen.
Ein Stil, der zugänglich bleibt
Auch sprachlich bleibt das Buch nah an seinen Leser*innen. Altzschner schreibt klar, direkt und ohne theoretische Überladung. Das macht es leicht, sich auf ein Thema einzulassen, das oft emotional aufgeladen ist. Gleichzeitig entsteht eine spürbare Nähe zu den porträtierten Menschen. Die Geschichten wirken nicht distanziert, sondern lebendig und unmittelbar, ohne dabei an journalistischer Sorgfalt einzubüßen.
Fazit: Ein offenes Angebot zur Auseinandersetzung
„Give a Fck“ versteht sich weniger als abschließende Einordnung, sondern eher als Angebot zur eigenen Auseinandersetzung. Es fordert nicht, eine bestimmte Position einzunehmen, sondern eröffnet die Möglichkeit, differenzierter hinzusehen. Das Buch regt dazu an, vertraute Denkmuster zu überprüfen und sich mit widersprüchlichen Perspektiven auseinanderzusetzen. Gerade darin liegt die Stärke des Buchs, die es so lesenswert macht: Es erweitert den Blick, ohne ihn in eine bestimmte Richtung zu lenken.
