Die Studie „Burden and HIV Impact of Human Rights Violations Against Sex Workers“ untersucht, wie Menschenrechtsverletzungen die Gesundheit, insbesondere das HIV-Risiko, von Sexarbeiter:innen weltweit beeinflussen. Sie basiert auf der Analyse von über 800 Studien und Berichten, wobei der Fokus auf den sozialen, strukturellen und rechtlichen Bedingungen liegt, die diese vulnerablen Gruppen betreffen. Die Forscher:innen betonen, dass Menschenrechtsverletzungen wie Gewalt, Diskriminierung und Kriminalisierung nicht nur gegen grundlegende Rechte verstoßen, sondern auch direkt und indirekt das Risiko von HIV-Infektionen erhöhen. Ein besonderer Schwerpunkt liegt darauf, wie politische Rahmenbedingungen den Schutz von Sexarbeiter:innen beeinflussen und welche Strategien zur Verbesserung ihrer Lage beitragen können.
Einführung: Kontext der Studie
Sexarbeiter:innen sind weltweit eine Schlüsselpopulation für HIV. Ihre HIV-Prävalenz ist bei weiblichen, männlichen und trans Personen erheblich höher als in der Allgemeinbevölkerung. Diese Situation wird durch soziale Marginalisierung, diskriminierende Gesetzgebung und die oft prekäre Arbeitsumgebung weiter verschärft. Die Forscher:innen argumentieren, dass die Gesundheit von Sexarbeiter:innen untrennbar mit ihrer gesellschaftlichen Stellung und den politischen Rahmenbedingungen verknüpft ist.
Die Studie beleuchtet den globalen Umgang mit Sexarbeit in vier Hauptkategorien von politischen Ansätzen: Kriminalisierung, Legalisierung, Entkriminalisierung und der „End Demand“-Ansatz (Nordisches Modell), der die Nachfrage nach Sexarbeit reduzieren soll. Dabei zeigt sie, wie diese Ansätze Menschenrechtsverletzungen beeinflussen und welche Folgen dies für die Gesundheit von Sexarbeiter:innen hat.
Hauptbefunde: Menschenrechtsverletzungen und HIV
Die Studie dokumentiert umfassend die Formen von Menschenrechtsverletzungen, die Sexarbeiter:innen erleben. Diese reichen von physischer und sexueller Gewalt über Diskriminierung bis hin zu strukturellen Einschränkungen, die ihre Sicherheit und ihren Zugang zu Gesundheitsdiensten gefährden.
Gewalt und Mord
Sexarbeiter:innen sind überproportional oft Opfer von Gewalt und Mord. In den USA liegt die Mordrate bei Sexarbeiter:innen 17-mal höher als in der Allgemeinbevölkerung. In Kanada wurden zwischen 1985 und 2011 etwa 300 Sexarbeiter:innen ermordet. Diese Gewalttaten sind Ausdruck sozialer Marginalisierung und einer weit verbreiteten Straflosigkeit für Gewalt gegen diese Gruppe. Besonders gefährdet sind Sexarbeiter:innen, die auf der Straße arbeiten, da sie oft ohne Schutzmechanismen arbeiten und leicht Ziel von Übergriffen werden.
Polizeigewalt und Repression
Polizeiliche Maßnahmen stellen eine der häufigsten Formen der Menschenrechtsverletzungen dar. Sexarbeiter:innen berichten von wiederholter Belästigung, körperlicher Gewalt und Vergewaltigungen durch Polizeibeamte. Oft werden diese Übergriffe während Verhaftungen oder in Gefängnissen begangen. In einigen Fällen werden Sexarbeiter:innen gezwungen, ungeschützten Sex mit Polizist:innen zu haben, um einer weiteren Verhaftung zu entgehen. Der Missbrauch durch die Polizei ist besonders gravierend in Ländern, in denen Sexarbeit kriminalisiert ist, da die Polizei oft uneingeschränkte Macht über die Betroffenen hat.
Ein weiterer problematischer Aspekt ist die Nutzung von Kondomen als Beweismittel für Prostitution. Viele Sexarbeiter:innen verzichten aus Angst vor Verhaftungen darauf, Kondome mit sich zu führen, was die Risiken ungeschützten Geschlechtsverkehrs erhöht. Solche Praktiken untergraben nicht nur die öffentliche Gesundheit, sondern verstoßen auch gegen grundlegende Menschenrechte.
Zwangsmaßnahmen und Diskriminierung
In vielen Ländern sind Sexarbeiter:innen gezwungen, sich regelmäßigen und oft entwürdigenden Gesundheitsuntersuchungen zu unterziehen. Diese Maßnahmen erfolgen häufig ohne ihr Einverständnis und werden als Voraussetzung für ihre Arbeit oder zur Registrierung im Rahmen legalisierter Sexarbeitssysteme auferlegt. Der Zwang zu solchen Tests und die mangelnde Vertraulichkeit der Ergebnisse fördern Stigmatisierung und Diskriminierung.
Darüber hinaus berichten viele Sexarbeiter:innen von Diskriminierung im Zugang zu Gesundheitsdiensten. Stigma, Vorurteile und die Angst, als Sexarbeiter:in identifiziert zu werden, hindern viele daran, HIV-Tests oder Behandlungen in Anspruch zu nehmen. In einigen Fällen verweigern Gesundheitseinrichtungen die Behandlung von HIV-positiven Sexarbeiter:innen oder stellen Bedingungen wie die Vorlage eines männlichen Partners, bevor eine STI-Behandlung erfolgt.
Unsichere Arbeitsbedingungen
Sexarbeiter:innen arbeiten oft in prekären und unsicheren Bedingungen, insbesondere in Ländern, in denen ihre Tätigkeit kriminalisiert ist. Das Verbot von Bordellen und die Kriminalisierung von Dritten, wie Bordellbetreibern oder Sicherheitskräften, zwingt viele dazu, in isolierten, gefährlichen Situationen zu arbeiten. Dies erhöht das Risiko von Gewalt und verringert die Möglichkeiten, sichere Arbeitspraktiken wie die Verhandlung über Kondomnutzung durchzusetzen.
Politische Ansätze und ihre Auswirkungen
Die Studie analysiert vier dominante politische Ansätze und deren Einfluss auf Menschenrechte und Gesundheit von Sexarbeiter:innen.
1. Kriminalisierung
Die Kriminalisierung von Sexarbeit ist weltweit der häufigste Ansatz. Sie umfasst das Verbot des Verkaufs und Kaufs sexueller Dienstleistungen sowie die Kriminalisierung von Bordellbetreibern und anderen Dritten. In Ländern wie den USA (außer in Teilen Nevadas) ist die Sexarbeit vollständig kriminalisiert. Diese Politik führt zu weit verbreiteten Menschenrechtsverletzungen, da sie Sexarbeiter:innen in gefährliche, isolierte Arbeitsumgebungen zwingt, sie der Willkür der Polizei ausliefert und den Zugang zu Gesundheitsdiensten erschwert.
2. Legalisierung
In Ländern mit Legalisierung, wie der Schweiz, Ungarn oder Mexiko, wird Sexarbeit unter strengen Auflagen erlaubt. Diese Systeme beinhalten oft verpflichtende Registrierungen und Gesundheitsuntersuchungen, die viele Sexarbeiter:innen als stigmatisierend empfinden. Ein solches System schafft oft ein Zwei-Klassen-System, bei dem nicht registrierte Sexarbeiter:innen keinen Zugang zu rechtlichem Schutz oder Gesundheitsdiensten haben.
3. Entkriminalisierung
Die Entkriminalisierung, wie sie in Neuseeland und Teilen Australiens umgesetzt wurde, hat gezeigt, dass Gewalt und Diskriminierung gegen Sexarbeiter:innen reduziert werden können. Diese Politik zielt darauf ab, Sexarbeit als reguläre Erwerbsarbeit zu behandeln und den Fokus auf Gesundheit und Sicherheit zu legen. Studien zeigen, dass die Entkriminalisierung den Zugang zu Gesundheitsdiensten verbessert und die Zusammenarbeit zwischen Sexarbeiter:innen und der Polizei fördert.
4. „End Demand“-Ansatz (Nordisches Modell)
Dieser Ansatz kriminalisiert die Nachfrage nach Sexarbeit, indem der Kauf sexueller Dienstleistungen verboten wird, nicht jedoch deren Verkauf. Obwohl diese Politik den Schutz von Sexarbeiter:innen anstrebt, bleibt sie problematisch. Sexarbeiter:innen sind weiterhin Polizeischikanen und Stigmatisierung ausgesetzt und müssen oft in gefährlichen, isolierten Umgebungen arbeiten.
Auswirkungen auf HIV-Prävention und Gesundheit
Die Studie betont, dass Menschenrechtsverletzungen die Wirksamkeit von HIV-Präventions- und Behandlungsmaßnahmen erheblich beeinträchtigen. Gewalt, Diskriminierung und Kriminalisierung schaffen Barrieren für den Zugang zu Gesundheitsdiensten und führen dazu, dass Sexarbeiter:innen riskantes Verhalten wie ungeschützten Geschlechtsverkehr eingehen. Ohne den Schutz und die Förderung der Menschenrechte bleiben Bemühungen zur Eindämmung von HIV in dieser Bevölkerungsgruppe unzureichend.
Empfehlungen
Die Forscher:innen geben eine Reihe von Empfehlungen, um die Menschenrechte und Gesundheit von Sexarbeiter:innen zu fördern:
Reform der Gesetzgebung:
Entkriminalisierung der Sexarbeit, um Gewalt und Diskriminierung zu reduzieren.
Abschaffung von Praktiken wie der Nutzung von Kondomen als Beweismittel.
Gemeinschaftsgeleitete Ansätze:
Förderung von Peer-basierten Programmen, die die Selbstorganisation und das Empowerment von Sexarbeiter:innen unterstützen.
Forschung und Überwachung:
Systematische Forschung zu den Auswirkungen von Menschenrechtsverletzungen auf die Gesundheit von Sexarbeiter:innen.
Integration von Menschenrechtsindikatoren in HIV-Programme.
Sensibilisierung:
Schulungen für Polizei und Gesundheitsdienstleister, um Vorurteile und Diskriminierung abzubauen.
Fazit
Die Studie unterstreicht die Dringlichkeit, Menschenrechtsverletzungen gegen Sexarbeiter:innen zu beenden, um ihre Gesundheit und Würde zu schützen. Nur durch umfassende politische Reformen, die Förderung von Gemeinschaftsprogrammen und die Integration menschenrechtsbasierter Ansätze in Gesundheitsprogramme können nachhaltige Verbesserungen erzielt werden. Solche Maßnahmen sind nicht nur ein moralisches Gebot, sondern auch eine Notwendigkeit für die globale HIV-Prävention und die öffentliche Gesundheit.
Der Volltext der Studie (englisch) findet sich hier.