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Die Dissertation „Sweden’s Ban on Sex-Purchase – Morality politics and the governance of prostitution“ von Petra Östergren rekonstruiert Schwedens Sexkaufverbot vor allem über seine Wirkungen und Widersprüche: im Recht selbst, im politischen Diskurs, in der praktischen Umsetzung und im Alltag von Sexarbeiterinnen und  arbeitern. Grundlage sind mehr als ein Jahrzehnt Forschung (2009–2019), in denen die Autorin Gesetzestexte und vorbereitende Materialien, Parlamentsdebatten, Medienbeiträge, behördliche Dokumente, Evaluationsberichte, NGO Publikationen und qualitative Interviews mit Akteurinnen wie Sexarbeitenden, Polizistinnen, Sozialarbeiterinnen und Politikerinnen ausgewertet hat. Aus der Zusammenschau dieser Materialien ergibt sich ein spannungsreiches Bild: Offiziell wird das Gesetz als feministisches Schutzinstrument präsentiert, empirisch erweist es sich jedoch als Teil eines repressiven Regimes, das Sexarbeiterinnen rechtlich und sozial ausgrenzt.

Östergren zeigt zunächst, wie eng der politische Diskurs in Schweden über Jahre kontrolliert war. In den von ihr ausgewerteten parlamentarischen Debatten, Regierungsvorlagen und Stellungnahmen wichtiger NGOs tauchen die Stimmen von Sexarbeiterinnen lange Zeit kaum oder nur in verzerrter Form auf. Interviews mit Sexarbeiterinnen bestätigen diese Unsichtbarkeit: Viele berichten, dass sie zwar eigene Positionen artikulierten – etwa in Selbstorganisationen oder über Medienkontakte –, damit aber weder in die formalen Konsultationsprozesse noch in die politische Öffentlichkeit durchdrangen. Die politische Deutungshoheit lag bei einer Allianz aus Parteien und Frauenverbänden, die Prostitution als Gewalt gegen Frauen und Sexkauf als Ausdruck patriarchaler Herrschaft kodierten. Östergrens Analyse dieser Diskurse zeigt, wie Begriffe wie „Opferschaft“, „Zwang“ und „Menschenhandel“ inflationär und häufig ohne empirische Differenzierung verwendet werden, um das Bild einer homogenen Gruppe hilfloser Frauen zu zeichnen, obwohl ihre Interviewpartnerinnen sehr unterschiedliche Lebenslagen, Motive und Erfahrungen schildern.

Auf der Ebene des Rechts arbeitet Östergren heraus, dass der Tatbestand des Sexkaufs zwar mit dem Schutz von Frauen begründet wird, dogmatisch aber an eine einverständliche Transaktion anknüpft. Die Analyse von Gesetzesmaterialien und juristischen Kommentaren zeigt, dass der Gesetzgeber bewusst in Kauf nimmt, dass es sich um ein „consensual crime“ handelt: Strafbar ist eine Handlung, der die beteiligten Erwachsenen zustimmen. In den von Östergren ausgewerteten juristischen Gutachten und Stellungnahmen wird immer wieder kritisiert, dass der Schutzgegenstand des Gesetzes unklar sei – mal wird von der Menschenwürde aller Frauen, mal von öffentlicher Moral, mal von Gleichstellungspolitik gesprochen. In der Praxis führt diese Unklarheit dazu, dass Gerichte bei der Strafzumessung große Spielräume haben und Sexkäufe je nach Kontext sehr unterschiedlich bewerten. Die Autorin zeigt anhand konkreter Urteile und Ermittlungsakten, wie Richterinnen und Richter dabei auf implizite Moralvorstellungen zurückgreifen, etwa wenn das Sexualverhalten der beteiligten Frau, ihr Drogenkonsum oder ihr Migrationsstatus zur Charakterbewertung herangezogen werden.

Ein zentrales empirisches Ergebnis betrifft die polizeiliche Umsetzung. Östergren zeichnet auf Basis von Interviews mit Beamtinnen, internen Leitfäden und Beobachtungen polizeilicher Praxis nach, dass die Durchsetzung des Sexkaufverbots kaum ohne Eingriffe in das Leben von Sexarbeiterinnen auskommt. Um einen Sexkauf zu dokumentieren, müssen Kontakte überwacht, Treffpunkte observiert, Telefone ausgewertet oder verdeckte Ermittlungen durchgeführt werden – Maßnahmen, die in der Realität vor allem die Verkäuferinnen treffen. Mehrere befragte Sexarbeiterinnen berichten, dass sie sich vor der Polizei genauso fürchten wie vor gewalttätigen Kunden: Razzien, Durchsuchungen und Identitätskontrollen führen zu Einkommensausfällen, Verlust von Arbeitsorten und zusätzlicher Stigmatisierung. Besonders deutlich wird das in Situationen, in denen Vermieterinnen oder Hoteliers wegen „Förderung von Prostitution“ unter Druck gesetzt werden; die dokumentierten Fälle zeigen, dass Sexarbeiterinnen dann ihre Wohnung oder ihr Zimmer verlieren, ohne dass ihnen selbst eine Straftat vorgeworfen wird.

Östergren arbeitet mehrere zentrale Folgen des Sexkaufverbots für Sexarbeiterinnen in Schweden heraus.

1. Verschlechterte Arbeits- und Sicherheitsbedingungen

  • Viele Sexarbeiterinnen berichten, dass Kunden aus Angst vor Strafe heimlicher agieren, schneller abschließen wollen und Treffen an abgelegene Orte verlagern.

  • Dadurch wird es schwieriger, Kunden zu prüfen, Konditionen zu verhandeln und Grenzen durchzusetzen, was das Risiko für Gewalt und Ausbeutung erhöht.

2. Polizeiliche Kontrolle und „Mitbestrafung“

  • Die Polizei muss zur Verfolgung der Käufer Kontakte überwachen, Treffpunkte observieren und verdeckt ermitteln; diese Maßnahmen treffen faktisch vor allem die Verkäuferinnen.

  • In den berichteten Fällen verlieren Sexarbeiterinnen etwa Wohnungen oder Hotelzimmer, weil Vermieter unter Druck gesetzt werden, ohne dass sie selbst wegen eines Delikts verurteilt würden.

  • Einige fühlen sich „gejagt“ und erleben Razzien, Kontrollen und Eingriffe in ihren Alltag als massiven Eingriff, obwohl sie formal nicht strafbar sind.

3. Zunehmende Stigmatisierung und rechtliche Entmündigung

  • Befragte Sexarbeiterinnen schildern, dass das gesellschaftliche Stigma eher zugenommen hat und dass sie sich faktisch „entmündigt“ fühlen, weil ihre Arbeit geduldet, ihre Entscheidungen aber politisch wie rechtlich nicht respektiert werden.

  • In der offiziellen Evaluation wurde sogar festgehalten, dass sie sich stärker stigmatisiert und von der Polizei verfolgt fühlen; die Berichterstatterin deutete diese Belastungen dennoch als „positive“ Nebenwirkung im Sinne der Bekämpfung der Prostitution.

4. Weniger Anzeige von Gewalt und Übergriffen

  • Aus Angst vor weiterer Kontrolle, Datenerfassung oder negativen Folgen für Wohnung, Aufenthalt oder Familie wenden sich viele seltener an Polizei oder Behörden, wenn sie Gewalt oder andere Straftaten erleben.

  • Dadurch verschlechtert sich ihr Zugang zu Schutz und Rechtsdurchsetzung, obwohl der Staat offiziell vorgibt, sie schützen zu wollen.

5. Dauerhafte rechtliche und zivile Ambivalenz

  • Empirisch zeigt sich, dass Sexarbeiterinnen zugleich als Opfer, als steuerpflichtige Erwerbstätige und als „Problemgruppe“ behandelt werden.

  • Sie müssen Steuern zahlen und werden als einkommensgenerierende Akteurinnen behandelt, während ihnen politisch abgesprochen wird, dass ihre Tätigkeit als Arbeit anerkannt werden darf – eine Ambivalenz, die ihre ohnehin prekäre Position zusätzlich verfestigt.

In der Summe kommt Östergren auf Basis dieser empirischen Befunde zu dem Ergebnis, dass das Sexkaufverbot die soziale und rechtliche Ausgrenzung von Sexarbeiterinnen in Schweden eher verstärkt, als dass es ihre Sicherheit und Handlungsmacht verbessert.

Die Arbeit belegt auch, wie stark das Gesetz zum Symbol nationaler Identität geworden ist. In Reden, Kampagnenmaterial und internationalen Auftritten präsentieren schwedische Regierungsvertreterinnen das Sexkaufverbot als „Exportprodukt“ und Beleg für Schwedens moralische Führungsrolle im Bereich Gleichstellung. Östergren zeigt anhand von Redetexten, Interviews und Konferenzdokumenten, dass der Erfolg des Gesetzes dabei meist über die bloße Existenz des Verbots behauptet wird – mit Verweis auf Schwedens Image und Vorbildfunktion – während empirische Daten zu Umfang und Formen der Prostitution selektiv oder gar nicht herangezogen werden. In den von ihr ausgewerteten Evaluationsberichten wird etwa ein angeblicher Rückgang von Straßenprostitution als Indiz für den Erfolg gewertet, obwohl gleichzeitig Online Prostitution stark zunimmt. Kritische Studien, die diese Verschiebungen und die Belastungen für Sexarbeiterinnen dokumentieren, werden in politischen Zusammenfassungen oft verkürzt oder nur im Anhang erwähnt.

Ein wichtiges empirisches Gegenbild entwickelt die Autorin im Vergleich mit Aotearoa/Neuseeland, wo sie Interviews mit Sexarbeiterorganisationen, Behördenvertreterinnen und Aktivistinnen geführt und Gesetzestexte sowie Evaluationsberichte analysiert. Dort berichten Sexarbeiterinnen häufiger von kooperativen Beziehungen zur Polizei und von einer besseren Möglichkeit, unfaire Arbeitsbedingungen zu thematisieren, etwa gegenüber Bordellbetreiberinnen. Zwar gibt es auch im integrativen Modell Exklusionen – etwa beim Aufenthaltsrecht – und fortbestehende Stigmatisierung, doch zeigen die Daten, dass Sexarbeiterinnen sich eher als Rechtssubjekte mit einklagbaren Ansprüchen wahrnehmen. In Schweden hingegen bleibt ihre Position laut den Interviews ambivalent: Sie sind weder voll als Opfer anerkannt, die bedingungslos Schutz erhalten, noch als Bürgerinnen mit regulären Arbeitsrechten. Diese Gegenüberstellung stützt Östergrens These, dass repressive Regime strukturell auf der Ausgrenzung von Sexarbeitenden beruhen, während integrative Regime zumindest die Möglichkeit eröffnen, sie als legitim handelnde Subjekte anzuerkennen.

Aus ihren Materialien entwickelt Östergren das Konzept der „exclusionary logic“: eine Ausschlusslogik, die allen Formen von Anti Prostitutionsrecht eingeschrieben sei. Historische Dokumente zur schwedischen Prostitutionskontrolle seit dem 18. Jahrhundert zeigen, dass Frauen, die Sex gegen Geld anbieten, wiederkehrend als moralisch zweifelhafte Figuren markiert wurden, denen bestimmte staatsbürgerliche Rechte vorenthalten oder nur unter Auflagen gewährt wurden. Diese Logik setze sich im Sexkaufverbot fort – wenn auch mit veränderter Sprache. An die Stelle offener moralischer Verurteilung tritt eine Rhetorik des Schutzes und der Gleichstellung; in der Praxis aber belegen Interviews und Fallanalysen, dass Sexarbeiterinnen weiterhin leichter überwacht, aus bestimmten Räumen verdrängt oder als „Problemfall“ in der Sozialverwaltung geführt werden können. Die Kombination aus Strafrecht, sozialpolitischen Programmen und öffentlicher Stigmatisierung stabilisiert damit Grenzziehungen zwischen „respektablen“ Frauen und solchen, die als weniger schützenswert gelten.

Schließlich nutzt die Autorin ihre empirischen Befunde, um das Konzept „Morality Politics“ zu schärfen. Anhand der beobachteten emotionalen Aufladung der Debatten, der wiederkehrenden Bezugnahme auf nationale Werte und zivilisatorische Leitbilder sowie der Diskrepanz zwischen symbolischer Aufladung des Gesetzes und begrenzter, teils kontraproduktiver Effekte in der Praxis zeigt sie, dass Prostitution in Schweden wie ein Prüfstein für Zugehörigkeit zur „zivilisierten Gemeinschaft“ behandelt wird. Wer den Sexkauf verurteilt, kann sich als Teil einer moralisch überlegenen Nation präsentieren; wer das Gesetz kritisiert, läuft Gefahr, als Unterstützer von Gewalt, Ausbeutung oder Menschenhandel diffamiert zu werden – so berichten es mehrere der von Östergren befragten Aktivistinnen und Forscherinnen. In einer solchen Konstellation verliere die Frage, was Sexarbeiterinnen tatsächlich brauchen, an Gewicht gegenüber der symbolischen Funktion des Gesetzes. Die Autorin kommt deshalb auf Grundlage ihrer empirischen Analysen zu dem Schluss, dass das schwedische Sexkaufverbot weniger von einer evidenzbasierten Schutzlogik als von einer moralpolitischen Grenzziehung profitiert – mit realen Kosten für diejenigen, deren Leben es reguliert.

Der Volltext der Studie (englisch) findet sich hier.