Nur ein Spaziergang?
Ich nähere mich dem Hauptgebäude des majestätischen Belvedere-Parks in Wien. Die Steinstiegen vor mir werden immer größer, immer breiter, sitzende Touristen überall. Deine Nachricht: Du wartest hier auf mich, sitzend, in schwarz gekleidet. Wir kennen uns ja schon, ich sehe Dich aber nicht. Das Gedränge überall. Dann kommst Du mir entgegen, bist fast schon da, lächelnd. Erleichterung!
Auf einer ruhigen Bank sitzend… Während ich meine Video-Ausrüstung nach gerade abgeschlossenem Drehen im Park zusammenpacke, erzählst Du mir von Deinen kurzfristig umgestellten Plänen, von diesem Aufenthalt in Wien, von Deinem Besuch der Gala beim Pornfilmfestival… Aber was wollen wir heute gemeinsam unternehmen? Du bist für alles offen, ich auch. Wien ist uns beiden nicht besonders bekannt… Oh Schreck, fast habe ich es vergessen: Frage Dich, ob jetzt ein guter Moment ist, Dir das Honorar zu übergeben – bin ja zum ersten mal in einem Social Date-Setting. Du bejahst. Noch fast fünf gemeinsame Stunden liegen vor uns… Aber stopp – wieso sind wir eigentlich hier?
Wieso…? Auch die Pläne meiner Frau und mir für den Frühling 2026 waren majestätisch: Eine zweimonatige Autoreise durch Deutschland. Wir haben uns riesig gefreut. Diese würde – was mich betrifft – auch einen Besuch des „Wheel of Consent“-Workshops und wahrscheinlich noch drei Begegnungen mit Mitgliedern der Supportive Sexwork-Gruppe bedeuten. Seit unserem ersten Treffen ist mir das Thema „Consent“ wichtig geworden und ich würde das berühmte „Wheel of Consent drei Minuten Spiel“ mit Dir gerne probieren… Dann aber, plötzlich und unerwartet, fühlte sich meine Frau unwohl. Untersuchungen, Krankenhausaufenthalte, weitere Untersuchungen, immer besorgniserregender… Wir sagten alles ab. Um uns, auf einmal, bedrückend, das Ungewisse. Sorgen in unseren Köpfen – wir sind nicht die Jüngsten und die Vergänglichkeit ist noch dazu eines meiner schlimmen „Themen“. In so einer Atmosphäre nahm ich wahr, dass Du nach Wien kommst. Zögernd entschied ich mich nachzufragen, ob Du dabei in unserer kleinen Provinzstadt einen Zwischenstopp machen könntest. Du kommst, aber mit dem Flieger, so sagst Du, gleichzeitig feinfühlig nachfragend, ob in meiner Situation ein Social Date in Wien für mich eventuell denkbar wäre. Ich bespreche das mit meiner Frau. „Natürlich, geh nur“ ist ihre Antwort. So schreibe ich Dir zurück. Am darauffolgendem Tag überwältigen mich die Zweifel. Was tue ich da eigentlich!? Der Frage widme ich danach spontan eine Psychotherapie-Sitzung…
Und doch – jetzt sitzen wir gemeinsam im Museumscafé… Meine Ambivalenz über die Stunden vor uns: Entweder weinen und jammern, oder eine Ablenkung suchen – ein Escape vom Tagtäglichen. Du wärst in beiden Varianten für mich da – das ist mir klar. Ich neige zum Escape und Du bist gleich d’accord. OK, aber wohin? Habe keine Ideen und Du äußerst Interesse an der Karlskirche. (Von der habe ich nie gehört – ist das schlimm? Die Psychotherapie der letzten Monate wirkt: Mache mir darüber keine weiteren Gedanken.) Wir genießen die Straßen Wiens. Du übernimmst das Navigieren – super! Dann die Karlskirche – wow. Es stellt sich heraus, das wir beide in einer Sache vom Elternhaus gleich geprägt sind: Keine Religion, aber ein kulturhistorisches und architektonisches Interesse für Orte des Glaubens. Mit der Pracht umgeben, stellen wir fest, dass unsere Sichtweisen über Religion und Kirche ziemlich gleich sind. Den Gängen und Treppen entlang, manchmal kurz zweifelnd, ob ein Gang öffentlich ist, kommt mir der Gedanke: „Was nicht verboten ist, ist erlaubt“. Trotzdem traue ich mich nicht, zu versuchen, manche Tür zu öffnen. Du zögerst aber nicht. Und auf der Aussichtsterrasse: Blick auf Wien! So gut war Dein Vorschlag, so gut…
[Seit diesem letzten Satz sind die Wochen vergangen. Ins Leben meiner Frau und mich sind unlängst die Wörter wie „palliativ“ und „Immuntherapie“ eingedrungen. Gestern sagte sie: „Wie manche Dinge zu schätzen wären: Das Essen. Das Essen genießen zu können. Schlafen zu können…“. Ich frage mich zurzeit, warum ich diesen Text überhaupt zum Ende bringen will. Ob es für die Menschen „weit da draußen“ je von Interesse sein könnte? Was werden die Gedanken meiner Frau und Dir darüber sein…? Also, sagen wir: Werde es versuchen zum Ende zu bringen, mindestens für mich, als Dokument einer Begegnung und einer Phase im Leben…]
Du navigierst uns in Richtung Zentrum… Der Eingang zur Unterführung beim Karlsplatz kommt mir bekannt vor – war ich schon einmal da…? Vor kurzem jährten sich einige Ereignisse um unsere Mütter, die beide nicht mehr sind, und ich bin diesbezüglich neugierig: Was haben uns die Eltern fürs Leben in den Rucksack mitgegeben? Das führt, unerwartet, auch zu Deinen Teenie-Jahren… Es folgt Deine kurze Erzählung, ein paar Screenshots Deines Lebens, sozusagen. Ich werde noch neugieriger, behalte aber weitere Fragen für mich – schon diese kleinen Einblicke in (D)einen Lebensweg sind ein Geschenk! Ich spüre Dein Vertrauen und das bewegt mich…
Ob bewusst oder durch Zufall, auf einmal stehen wir vor der Albertina, die uns beiden ein Begriff ist. Selbstverständlich gehen wir hinein: Für die fünf gleichzeitigen Ausstellungen wäre ein ganzer Tag nicht genug – das ist uns schon klar. In den Prachträumen: Du öffnest neugierig eine witzige Ecktür mit der kleinen Aufschrift „WC“ und in der Tat: Ein modernes WC dahinter. Meine eigene Hemmschwelle diese Tür zu öffnen wäre zu groß. Das sind die kleinen Unterschiede, die mir einiges über uns andeuten (oder analysiere ich, wie immer, zu viel?)… Derweil versuchen wir mindestens eine Idee von den Ausstellungen zu bekommen. Anscheinend sind unsere Gedanken über die unterschiedlichsten Kunstarten einigermaßen ähnlich. Die ganz abstrakte, moderne Kunst scheint nicht wirklich unser Ding zu sein…
Rundherum und kreuz und quer bis zur Hofburg… Habe mittlerweile die Orientierung völlig verloren und wir sind auch hungrig. Etwas Passendes in der Nähe zu finden scheint ein Kunststück zu sein. Dann aber eine geöffnete Trattoria – die Rettung. Unsere Zeit wird langsam knapp, wir reden aber gemütlich… Eine meiner Frage bringt Dich zu einem Satz über einen guten Freund: „Er ist schwul und verheiratet“. Ich, etwa: „Oje, das muss hart sein.“ Du, etwa: „Heutzutage können Schwule heiraten, weißt Du.“ Begreifend, dass Du meinen Satz so total falsch interpretiert hast, bin ich komplett perplex (lasse mir das aber nicht anmerken, hoffentlich). Wir klären das in ein paar Sekunden ab, aber in mir bleibt der Gedanke: Wie wenig wir uns kennen, wenn solche Missverständnisse passieren können!
[Tage später, darüber reflektierend, denke ich: Mein erster Gedanke – an einen nicht geouteten Homosexuellen, der mit einer Frau verheiratet ist – spricht vielleicht allgemein auch etwas über meine (Un)Fähigkeit, über eigene Wünsche zu reden.]
Die fünf Stunden sind um. Ein kurzes Stück gehen wir noch zusammen die Straße entlang. Du umarmst mich zum Abschied… An meinem Rückweg zum Hauptbahnhof stoße ich auf die Pfarrkirche St. Elisabeth. Was für ein Unterschied zur Karlskirche! Keine Pracht, keine Touristen. Einfach die Ruhe, die gut tut.
Helena, Du hast in Wien meine Seele begleitet – etwas, was ich zu dem Zeitpunkt so nötig hatte: Einfach etwas menschliche Nähe, Empathie, Ansprache… Ein bisschen verstanden zu sein, ein bisschen umarmt zu sein.
Danke an euch beide! Einfach danke an euch beide!
