Die Studie „Preventing sexually transmitted and blood borne infections (STBBIs) among sex workers: a critical review of the evidence on determinants and interventions in high-income countries“ liefert eine umfassende Analyse von Faktoren und Maßnahmen, die sexuell übertragbare und blutübertragbare Infektionen (STBBIs) bei Sexarbeiter:innen in einkommensstarken Ländern beeinflussen. Die Untersuchung berücksichtigt individuelle, soziale und strukturelle Aspekte, um die komplexen Mechanismen besser zu verstehen, die zu den hohen Infektionsraten in dieser Gruppe führen. Die Studie umfasst Literatur aus dem Zeitraum von 2005 bis 2016 und berücksichtigt quantitative, qualitative und öffentlich zugängliche Daten, um ein möglichst vollständiges Bild der Situation zu zeichnen.
Hintergrund und Motivation
Sexarbeiter:innen sind weltweit eine der Bevölkerungsgruppen, die am stärksten von HIV und anderen STBBIs betroffen sind. In einkommensstarken Ländern wie Kanada, den USA, Australien und Neuseeland beträgt die HIV-Prävalenz bei weiblichen Sexarbeiter:innen 1,8 %, während sie in der allgemeinen Bevölkerung deutlich niedriger ist. Darüber hinaus leiden viele an anderen STBBIs wie Chlamydien, Gonorrhö, Syphilis und Hepatitis C (HCV). Der Hauptfokus der bisherigen Präventionsmaßnahmen lag auf verhaltensbezogenen und biomedizinischen Ansätzen. Diese zeigten jedoch nur moderate Erfolge und griffen oft zu kurz, da sie die zugrunde liegenden sozialen und strukturellen Probleme, wie Kriminalisierung und Stigmatisierung, nicht ausreichend berücksichtigten.
Die Studie setzt auf einen strukturellen Ansatz, um die sozialen, rechtlichen und politischen Rahmenbedingungen zu analysieren, die sowohl das Infektionsrisiko erhöhen als auch den Zugang zu Gesundheitsdiensten beeinflussen. Das Ziel ist es, evidenzbasierte Empfehlungen für Interventionen zu entwickeln, die die Gesundheit und die Menschenrechte von Sexarbeiter:innen fördern.
Methodik der Untersuchung
Die Studie umfasst eine systematische Literaturrecherche in mehreren Datenbanken wie PubMed und Web of Science. Die Suchbegriffe deckten Themen wie Sexarbeit, HIV/STBBIs, Risikofaktoren und Interventionen ab. Zusätzlich wurden Berichte internationaler Organisationen wie der WHO, ethnografische Studien und qualitative Untersuchungen hinzugezogen, um quantitative Forschungsergebnisse zu ergänzen. Eingeschlossen wurden Studien, die Daten über cis Frauen, cis Männer und trans Sexarbeiter:innen in den 27 einkommensstarken Ländern der OECD lieferten und zwischen Januar 2005 und März 2016 publiziert worden sind. Studien, die ausschließlich Jugendliche oder Länder mit mittlerem und niedrigem Einkommen untersuchten, wurden ausgeschlossen.
Ergebnisse
Individuelle und zwischenmenschliche Determinanten
Sexarbeiter:innen sind oft zahlreichen individuellen und interpersonellen Risiken ausgesetzt, die ihre Anfälligkeit für STBBIs erhöhen. Diese umfassen:
Substanzmissbrauch:
Intravenöser Drogenkonsum ist ein wesentlicher Faktor für die HIV- und HCV-Übertragung. Studien in Nordamerika zeigen, dass 35–65 % der weiblichen Sexarbeiter:innen Drogen injizieren. Diese Gruppe weist eine signifikant höhere HIV-Inzidenz auf als andere Drogenkonsument:innen.
Der gleichzeitige Gebrauch von Crack erhöht das Risiko zusätzlich und verstärkt riskante sexuelle Verhaltensweisen.
Sexuelle Risikopraktiken:
Der ungeschützte Geschlechtsverkehr ist ein Haupttreiber für die Übertragung von STBBIs. Die Kondomnutzung variiert je nach Partner: Mit regelmäßigen Kunden und intimen Partnern ist die Wahrscheinlichkeit geringer, dass Kondome verwendet werden, verglichen mit Gelegenheitskunden.
Studien aus Kanada zeigen, dass 75 % der weiblichen Sexarbeiter:innen keinen konsequenten Kondomgebrauch in intimen Beziehungen berichten.
Psychische Gesundheit:
Viele Sexarbeiter:innen leiden unter psychischen Problemen wie Depressionen, Angstzuständen und posttraumatischen Belastungsstörungen, die oft mit Gewalterfahrungen in Verbindung stehen. Bis zu 74 % der Sexarbeiter:innen berichten von schwerwiegenden psychischen Belastungen.
Männer und trans Sexarbeiter:innen sind häufig Opfer von Diskriminierung und Stigmatisierung, was ihr psychisches Wohlbefinden zusätzlich belastet.
Partnerschaftsbezogene Dynamiken:
Interpersonelle Beziehungen spielen eine entscheidende Rolle. Kunden, die Gewalt anwenden oder Drogen mit Sexarbeiter:innen teilen, erhöhen das Risiko einer Infektion. Intime Partner, die finanzielle oder emotionale Abhängigkeiten ausnutzen, tragen ebenfalls zu riskantem Verhalten bei.
Strukturelle Faktoren
Strukturelle Rahmenbedingungen prägen die Arbeits- und Lebensrealität von Sexarbeiter:innen und beeinflussen direkt deren Gesundheit. Die wichtigsten Faktoren umfassen:
Kriminalisierung und Stigmatisierung:
In vielen Ländern ist Sexarbeit kriminalisiert. Dies führt zu Polizeigewalt, rechtlicher Unsicherheit und einer Verdrängung in unsichere Arbeitsumgebungen. Die Angst vor Strafverfolgung hindert viele daran, Kondome zu tragen oder Gesundheitsdienste in Anspruch zu nehmen.
Stigmatisierung, sowohl von der Gesellschaft als auch von Gesundheitsdienstleistern, schreckt Sexarbeiter:innen davon ab, notwendige medizinische Hilfe zu suchen.
Gewalt:
Sexarbeiter:innen berichten von hohen Raten physischer, sexueller und verbaler Gewalt. Diese Gewalt steht in direktem Zusammenhang mit einem erhöhten Risiko für STBBIs. Täter sind oft Kunden, aber auch Polizist:innen oder Partner.
Studien aus Kanada zeigen, dass Frauen, die auf der Straße arbeiten, einem besonders hohen Risiko für Übergriffe ausgesetzt sind.
Mangelnder Zugang zu Gesundheitsdiensten:
Viele Sexarbeiter:innen haben aufgrund finanzieller, sozialer oder rechtlicher Hindernisse keinen Zugang zu Präventions- oder Behandlungsmaßnahmen. Besonders marginalisierte Gruppen wie trans Personen und Migrant:innen sind stark benachteiligt.
Gemeinschaftsgeleitete Interventionen
Gemeinschaftsbasierte Ansätze, die von Sexarbeiter:innen selbst initiiert oder geleitet werden, zeigen vielversprechende Ergebnisse:
Peer-geleitete Bildungsprogramme:
Diese Programme schulen Sexarbeiter:innen in HIV-Prävention und fördern den sicheren Umgang mit Kunden.
Sichere Anlaufstellen:
Drop-in-Zentren bieten eine Kombination aus medizinischer Versorgung, rechtlicher Unterstützung und psychosozialer Beratung.
Engagement mit Bordellbetreiber:innen:
Workshops zur Förderung sicherer Arbeitsbedingungen tragen dazu bei, Gewalt und Infektionsrisiken zu reduzieren.
Schlussfolgerungen
Die Studie zeigt, dass eine reine Fokussierung auf individuelles Verhalten unzureichend ist, um die hohe Belastung durch STBBIs bei Sexarbeiter:innen in einkommensstarken Ländern zu verringern. Vielmehr sind umfassende, multiperspektivische Ansätze erforderlich, die strukturelle, rechtliche und soziale Faktoren adressieren.
Empfehlungen:
Entkriminalisierung der Sexarbeit:
Die Abschaffung repressiver Gesetze würde den Zugang zu Gesundheitsdiensten verbessern und die Arbeitsbedingungen sicherer machen.
Bekämpfung von Stigmatisierung:
Öffentlichkeitskampagnen und Schulungen für Gesundheits- und Polizeipersonal könnten Vorurteile abbauen.
Förderung von gemeinschaftsgeleiteten Programmen:
Die Einbeziehung von Sexarbeiter:innen in die Gestaltung von Interventionsstrategien ist entscheidend.
Forschungsausbau:
Zukünftige Studien sollten sich stärker auf die spezifischen Bedürfnisse von männlichen und trans Sexarbeiter:innen konzentrieren, um gezielte Maßnahmen zu entwickeln.
Die Studie hebt hervor, dass es dringend erforderlich ist, strukturelle Ungleichheiten zu beseitigen, um die Gesundheit und Rechte von Sexarbeiter:innen nachhaltig zu verbessern. Nur durch einen umfassenden Ansatz, der soziale Gerechtigkeit in den Mittelpunkt stellt, können langfristige Fortschritte erzielt werden.
Der Volltext der Studie (englisch) findet sich hier.
